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Wieviele KMUs wären von der Abzocker-Initiative direkt betroffen?

Geschrieben am 30.Januar.2013

Die Gegner der Abzocker-Initiative sind mit einer breit angelegten Plakat- und Inserateserie mit ihren politischen Botschaften im öffentlichen Raum präsent. Sie argumentieren, dass mit einer Annahme der "Abzocker"-Initiative auch die Arbeitsplätze von kleinen und mittleren Betrieben gefährdet seien.

Wir haben auf Basis unserer Infocube-Wirtschaftsdatenbank untersucht, wie hoch der Anteil von KMUs unter den börsenkotierten Unternehmen ist. Unser Ergebnis: Nur ein Bruchteil der betroffenen Aktiengesellschaften beschäftigt effektiv weniger als 250 Angestellte. 

Ausschnitt der Website

 

"Die Initiative schwächt den Werkplatz" warnen die Gegner auf ihrer Website vor der Abzocker-Initiative. Ihr Augenmerk richtet sich dabei auf die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), eine der tragenden Säulen der Schweizer Wirtschaft.

 

Doch wieviele KMUs befinden sich effektiv unter den von der Initiative betroffenen börsenkotierten Aktiengesellschaften?

 

Die gängige Definition von KMUs leitet sich von der Zahl der beschäftigen Mitarbeiter ab. Die Zahl 250 dient dabei als Schwellenwert. Doch greift dieses rein quantitative Selektionskriterium zur Eruierung der KMUs aufgrund von firmeninternen Strukturen zu kurz. Gerade bei der Abzocker-Initiative zeigt sich dies exemplarisch:

 

Anhand unserer Wirtschaftsdaten haben wir die börsenkotierten Unternehmen auf ihre Zahl der Beschäftigten analysiert und in 3 wirtschaftliche Sektoren (basierend auf den NOGA-Codes des Bundesamts für Statistik) unterteilt. Unsere Infocube-Datenbank enthält die Mitarbeiterdaten von 220 (der insgesamt 280 börsenkotierten) Unternehmen. Wir stützen uns dabei auf die Unternehmensliste der SIX Swiss Exchange: 

 

Anzahl Mitarbeiter von börsenkotierten Unternehmen
Spaltenbeschriftungen      
  Dienstleistungssektor Holdinggesellschaften Industriesektor Gesamtergebnis
mehr als 250 84 65 7 156
weniger als 250 39 17 8 64
Gesamtergebnis 123 82 15 220

 

 

Nur einzelne Gesellschaften einer Firmengruppe sind bei der Börse gemeldet

 

Gemäss dieser Auswertung würden 64 Börsenunternehmen weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen, was über 30% der betroffenen Unternehmen umfassen würde. Dieser Befund wiederspiegelt ein verzerrtes Bild, aus einem einfachen Grund: Bei den an der Börse gemeldeten Holdinggesellschaften eines Konzerns handelt es sich "nur" um Dachorganisationen von weltweit oder schweizweit tätigen Konzernen, in denen nur wenige Personen (meist Kaderpersonen) tätig sind. Sie sind Teil einer grösseren Firmengruppe, weshalb das Volumen der effektiv Erwerbstätigen des Unternehmens um ein Vielfaches grösser ausfällt.


Beispiel Holdinggesellschaften und Dienstleistungsgesellschaften: Gemäss unserer Auswertung würde die an der Börse gemeldete Swiss RE AG 35 Mitarbeiter, die mobilezone holding AG 2 Mitarbeiter und die Orell Füssli Holding deren 4 beschäftigen. Auch beim Pharmahersteller Acino Holding AG würden 7 Leute arbeiten. 

 

Im unteren Bild lässt sich diese Problematik der "Verschachtelungen" veranschaulichen: Gibt man auf infocube.ch den Suchbegriff "Orell Füssli", so erscheinen die diversen Tochtergesellschaften der Firmengruppe "Orell Füssli". Jene Tochtergesellschaften sind als eigenständige Unternehmen im Handelsregister per se registriert.  Ihre wirtschaftlichen Kennzahlen (Bilanzsumme, Umsatz, Mitarbeiterzahl) sind jedoch der Holdinggruppe "Orell Füssli" zu subsumieren.

 

Orell_Fssli.png

 

Auch bei den aufgeführten 8 Unternehmen des Industriesektors handelt es sich im Grunde genommen um "groteske" Ergebnisse. Die Schweizer Nahrungsmittelgruppe Orior AG würde demnach 5 Mitarbeiter (insgesamt jedoch nach eigenen Angaben 1250 Mitarbeiter) beschäftigen und die Elektrizitätsgesellschaft Repower AG hätte nur 175 Erwerbstätige unter seiner Fittiche (europaweit 750). 

 

Fazit: Nur wenige regionale verankerte Aktiengesellschaften erfüllen das "KMU-Kriterium"

Eine differenzierte Analyse der Mitarbeiterzahlen bei Schweizer börsenkotierten Unternehmen zeigt: Bis auf ein paar Einzelfälle kann bei den von der "Abzocker"-Initiative direkt betroffenen Unternehmen kaum von KMUs die Rede sein kann. Börsenkotierte Aktiengesellschaften schliessen diese auch per Definition aus.  

 

Ausnahmen stellen beispielsweise Fälle von regional verankerten Investementgesellschaften oder Tourismusbetrieben dar, wie zum Beispiel die Hypothekarbank Lenzburg (205 Mitarbeiter) oder die "Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis" (213 Mitarbeiter).

 

Die Zahlen des Bundesamts für Statistik vermitteln ein genaueres Bild über das Arbeitsvolumen bei börsenkotierten AGs. So sind hierzulande über 30% der Schweizer Erwerbstätigen bei grösseren Konzernen tätig.

 

Die Kleinen hängen von den Grossen ab

 

Die Bestimmungen der "Abzocker"-Initiative beträfen in direkter Konsequenz nur ein paar wenige Aktiengesellschaften. Dies bestreiten die Gegner auch nicht. Die Auswirkungen müssten ihrer Ansicht nach in einem breiteren wirtschaftlichen Kontext eruiert werden. Sie handelt den Punkt KMU in ihrem FAQ auf der Website "Minder -Nein" ab:

 

"Die Minder-Initiative trifft auch die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Zwar gilt sie formal nur für die börsenkotierten Unternehmen. Doch in der Schweiz sind die KMU traditionell eng mit den grossen Unternehmen verbunden. Genau dieses Zusammenspiel ist der Garant des Erfolgsmodells Schweiz. Geht es den Grossen schlecht, trifft dies auch die KMU"

 

Die Gegner postulieren somit indirekte Auswirkungen für kleinere und mittlere Unternehmen, die im B2B-Geschäftsverkehr tätig sind. KMUs seien wirtschaftlich eng mit grösseren Konzernen verflochten und von deren Rahmenbedingungen abhängig.

 

Quelle der Unternehmensdaten: www.infocube.ch

 

Die Liste der Schweizerischer börsenkotierten Aktiengesellschaften mit der Zahl der beschäftigten Mitarbeiter kann bei uns info@ofwi.ch bestellt werden.