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"Overnewsed“ aber unterinformiert? Die 2. Datenjournalismustagung

Geschrieben am 21.November.2012

Ein gelungener Anlass ist bekanntlich schwierig ein zweites Mal zu übertrumpfen. Doch konnte die gestrige, zum 2. Mal stattfindende Datenjournalismustagung (organisiert von OFWI, MAZ und AWP), an die erfolgreiche Premiere im Juni anknüpfen. 56 Teilnehmer trafen gestern im Veranstaltungsort Hotel Widder in Zürich ein.

 

Neben Journalisten unterschiedlicher Medien (u.a. NZZ, Sonntagszeitung, 20 Minuten Online, SRF, Beobachter, NZZ am Sonntag, Tages-Anzeiger) waren vermehrt auch Infografiker und Redakteure grösserer Unternehmen anzutreffen. Das überwiegend positive Feedback zu den Referaten und zum Podium bestätigte uns in der grossen Nachfrage nach dem Thema.

 

Mit viel Witz, Charme und Frische führte der Moderator Daniel Frei durch den Morgen und forderte mit provokativen Fragen die Referenten und Gästen heraus. „Overnewsed aber unterinformiert?“ twitterte er als Auftakt zur Veranstaltung und brachte damit das Kernanliegen des Datenjournalismus auf den Punkt: Fundierte und anschaulich visualisierte Inhalte im Zeitalter der Informationsflut.

 

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Zu triviale Anwendungen lenken vom Inhalt ab

 

Nach einem kurzen Intro von Robert Furger, dem Leiter Business Development/Marketing OFWI/Infocube.ch, der neue Projekte aus der „Datenküche“ von Infocube/OFWI ankündigt (ein Ergebnis wird in der nächsten Ausgabe der Sonntagszeitung vom 25. November zu lesen sein), lieferte Gabriel Hase, Upfront-Gründer und ehemaliger CEO der Politnetz AG , mit seinem ersten Referat „Denkanstösse für journalistische Applikationen".

 

Verlage und Medienhäuser sollten sich beispielsweise vor der Entwicklung entsprechender Apps folgende Fragen stellen: „Welche Fragestellung möchten wir beantworten? Ist unsere Fragestellung zu komplex?“

 

Ausserdem sollen je nach Themengegenstand sinnvolle Datensätze aggregiert und die „Gamification“ einer Anwendung nicht überbewertet zu werden. Denn sonst laufe man bei aller interaktiver Spielerei Gefahr, Aspekte zu trivialisieren und den Leser von den wesentlichen Aussagen eines Themas abzulenken. Als Beispiel nannte er mögliche Filterkriterien wie „ Zivilstand“ und „Geschlecht“ bei der Analyse des Abstimmungsverhaltens nationaler Parlamente. Und warf als Beispiel die Frage auf, welchen inhaltlichen Mehrwert die Entscheidungen geschiedener männlicher Abgeordneter zwischen 60 und 70 Jahren mit 3 Kindern einem Leser bieten.

 

 

Hase sprach sich insbesondere dafür aus, dass „Online-Zeitungen ihr Newsarchiv über eine standardisierte Programmschnittstelle öffnen“ und den User-generierten Content ihrer Leserschaft in die Entwickung von Applikationen einbeziehen sollen.

 

Er legte den Medienschaffenden ans Herz: Finger weg von der  Flash-Programmiersprache! Nur Java-Script ermögliche taugliche und anschauliche Visualisierungen. Optimistisch stimmte Gabriel Hase das Publikum zum Schluss: "Datenjournalismus ist Aufbruchsstimmung, nicht Todesstern-Manie“

 

Hier der Link zum Referat von Gabriel Hase: https://speakerdeck.com/gabrielh/vortrag-datenjournalismus 



 

Alles beginnt mit einem Excel-Kurs

 

Sascha Venohr, Entwicklungsredakteur von ZEIT Online, bot den Anwesenden einen Einblick in den „Newsroom“ der Entwicklungsredaktion und räumte mit einigen Missverständnissen bezüglich der neuen Medienströmung auf.

 

Datenjournalismus solle als zusätzliche Darstellungsweise und als eine besondere Form des „Storytellings“ verstanden werden. Sind die Anwendungen attraktiv, sei die Leserbindung und Verweildauer erfahrungsgemäss höher als üblich. Als Beispiel nannte Venohr eine simple Anwendung, die zum Thema Schlaf erstellt wurde: Der „Schlafrechner“ wurde rege genutzt und verfügte durch die virale Verbreitung via Social Media über eine grosse Reichweite (ausserdem gewann die Redaktion durch dessen Nutzung neue Daten und erfuhr so zum Beispiel das Alter seiner Leserschaft)

 

Um fundierten Datenjournalismus zu betreiben, plädiert Venohr dafür, alle relevanten Ressourcen in ein Team zu holen und vom üblichen „Ressort-Denken“ der Medienredaktionen abzukommen. Mit der Durchführung eines internen Excel-Kurses werden die notwendigen Wissensgrundlagen vermittelt.

 

Bei einer Entwicklung und Implementierung einer Datenapplikation soll auch immer die Perspektive des Nutzers und damit auch dessen Endgerät mitgedacht werden. Beispielsweise hätten die Rahmen des US-Wahlkampfs produzierten „Interaktive Wahlkarten“ für Mobile-User keinen Sinn gemacht (bzw. sähen aus wie ein Flickenteppich). So war dem Entwicklungsteam schnell klar, dass für diese Nutzungsform eine eigene Anwendung erstellen werden muss.

 

Venohr nutzte die Gelegenheit, um auf eine weitere Innovation aus dem Hause „ZEIT“ hinzuweisen: Durch die am Freitag lancierte Content-API wird es möglich sein, die Häufigkeit genutzter Sprachbegriffen in der ZEIT-Medienberichterattung über Jahrzehnte analysieren zu können.

 

Alle Projekte und Anwendungen der ZEIT findet ihr hier: http://www.zeit.de/datenjournalismus

 

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Was kostet Datenjournalismus?

 

Nach den Referaten wurde das Podium mit Joseph Dreier, Infografiker und Dozent, Remo Leupin, Co-Redaktionsleiter des „TagesWoche“, sowie den beiden Keynote Speakern Hase und Venohr eröffnet.

 

Mit Blick auf den Hashtag #DDJZH bezog Daniel Frei die twitternden Teilnehmer und das Publikum gleich mit ein. Kritische Fragen und Kommentare wurden beispielsweise zur Relevanz von Datenjournalismus und zum Aufwand/Ertrag-Verhältnis für ein Medienhaus gestellt.

 

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Die erfahrenen Podiumsteilnehmer antworteten einhellig auf die geäusserten Bedenken: Fundierter Datenjournalismus zu betreiben, bedeute nicht zwingend Mehrausgaben zu tätigen. Sondern beinhaltet meist eine Umschichtung und Verlagerung der Ressourcen. Ausserdem könnte man bei der Recherche und Auseinandersetzung mit Daten fast schon von einem „Zeitgewinn“ sprechen. Sascha Venohr nannte als Beispiel die Watergate-Affäre, bei welcher die Journalisten tagelang telefonieren mussten, um an die Informationen zu gelangen. Ausserdem mussten Datenquellen schon vor 50 Jahren bewertet und eingeordnet werden. Insofern sei Datenjournalismus nicht etwas Neues. Der Zeitdruck sei ausserdem eine Konstante im Journalismus, ergänzte Leupin.

 

Auch was den „ROI“ (Return of Investment) von Datenjournalismus betraf, waren sich die Teilnehmer einig: Mit datenjournalistischen Geschichten pflegt man insbesondere die Reputation der Zeitung und baue Vertrauen bei den Lesern auf.

 

Als Vorzeigebeispiel und Pionierprojekt gilt die Basler „TagesWoche“, die einen besonderen Schwerpunkt auf datenjournalistische Projekte legt. Bei der TagesWoche seien Bild- und Textbudget gleichwertig, erläutert Leupin. Ein gutes Bild erzähle nämlich genauso eine Geschichte wie ein Text. Dieses Credo stelle auch besondere Anforderungen an die Kompetenzen der Redaktion: Bei der TagesWoche muss ein Redakteur die Fertigkeiten von Online- und Printberichterstattung beherrschen.

 

 

Fazit: Einmal mehr erfuhren wir an diesem Morgen spannende Inputs über (vermeintliche) Spannungsfelder zwischen Mediennutzung, Ressourcen und Zeitfaktoren und lernten Pionierprojekte im Bereich Datenjournalismus kennen. Wir freuen uns über das grosse Interesse und die grosse Teilnehmerzahl. Über die Fortsetzung unserer Veranstaltungsreihe werden wir euch auf dem Laufenden halten!

 

Weitere Blogartikel zum Anlass:

 

Mik Schär: Datenjournalismus. Der Zug nimmt Fahrt auf

MAZ: Datenjournalismus-Tagung. Was in der Ausbildung anfällt

AWP: Fachtagung von AWP, OFWI und MAZ stösst auf reges Interesse

Winston Smith: Datenjournalismus: Vom Elfenbeinturm in die Redaktion

Geschrieben von Sara am
Einladung zum lesen und gucken gefglot. Witzig, dass die schf6nen kleinen Projekte alle auf privaten Webseiten umgesetzt werden. :-Der andere Jan (Gesthuizen) hat mal eben die Grundschulen in Bielefeld visualisiert P.S. Ich habe ein paar Daten gefunden. Sogar eine ganze Menge. Und habe derzeit leider nicht genug Zeit Die schicken mir doch tatse4chlich keine pdfs sondern echte Excel-Tabellen! ich fasse es nicht. Wir war das mit Herbst und Winter?
Geschrieben von Arpita am
Parteispenden in Deutschland...Parteispenden in DeutschlandGregor Aisch hat sich mal in der Welt des Datenjournalismus umgesehen und seine erste Visualisierung mit poitmlscheiezug erstellt. Zu sehen sind alle Parteispenden ber 50.000€, die zwischen Juli 2002 und August 2010 an deut...
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