Unsere Themen: News   Potenzial   Risiko   Transparenz   Über uns   

 

Leben Verwaltungsräte in Scheindomizilen?

Geschrieben am 13.Dezember.2012

In einem früheren Blogpost haben wir Wohnorte von Verwaltungsräten abgebildet. Die Karte erstaunte uns: Bei den Verwaltungshochburgen handelt es sich weder um Steueroasen noch um namhafte Wirtschaftsmetropolen. Sondern um klassische Tourismus-Regionen (Gstaad im Kanton BE, St. Moritz und Pontresina in GR). Somit liegt die Vermutung nahe, dass v.a. lokale Gewerbler die hohe Zahl der Mandatsträger zu verantworten haben. Oder aber eine hohe Zahl von Mandatsträgern hat sich gar nicht wirklich in jenen Bergidyllen niedergelassen, sondern sich de facto nur ein „Scheindomizil“ eingerichtet?

Um diese Frage zu klären, haben wir die Mandatszusammensetzung der „verwaltungsratsreichen“ Gemeinden unter die Lupe genommen und auf ihre geographische Herkunft untersucht. Uns interessierte, wieviele Mandatsträger effektiv in ihrem Heimatkanton wirtschaftlich wirken und wieviele eher ausserkantonal „unterwegs“ sind?

 

Trifft die erste Hypothese zu, so würden die Mandate von Verwaltungsräte auf klassische Tourismus- Bereiche wie Hotel, Gastronomie und Ferienwohnungen entfallen.  Ebenefalls würden sich weitere Interessenbindungen in den "erweiterten" lokal verankerten Wertschöpfungsbranchen aufdrängen, so etwa die Zuliefererbetrieben, Bauunternehmen und tourismusnahen Unternehmen. Beispielsweise deckt ein Bauunternehmer mit seinen weiteren Betrieben (Sanitärfirma etc.) die gesamten wirtschaftlichen Bedürfnisse eines Hotelliers vor Ort ab.

 

Eine hohe Anzahl ausserkantonaler Mandate jener Verwaltungsräte könnte auch- so unsere zweite Hypothese- auf das "Scheindomizil"- Phänomen und auf eine rege wirtschaftliche Aktivität ausserhalb des Heimatkantons schliessen.

 

Die Analyse zeigte zwei interessante Befunde auf:

 

1. Ein Grossteil (80-90%) der Berner und Bündner Mandatsträger geschäftet mehrheitlich vor Ort (siehe Bild unten). Somit handelt es sich grösstenteils um KMU-Inhaber/Unternehmen, die eng mit der lokalen Wertschöpfungsproduktion verbunden sind, was auf eine effektive Niederlassung vermuten lässt.

Nur wenige Mandate sind im Verhältnis ausserkantonal zu finden. Interessanterweise machen nur einzelne Unternehmer und Verwaltungsräte, die Menge an externen Mandaten (teilweise bis zu 20 Mandate in ausserkantonalen Unternehmen) aus. Gründe hierfür wäre ein soeben erfolgter Umzug in die neue Heimat in den Bergen (mit verbleibendem Mandate-Netzwerk aus dem ehemaligen Kanton gemäss HR-Einträgen).  

 

Über 80% der Mandate von im Engadin lebenden Verwaltungsräten entfallen auf die Region.

 

 

Der hohe Anteil externer Mandate in den wirtschaftlich starken und „unternehmensreichen“ Kantonen Zürich und Zug lässt sich möglicherweise auch mit einem anderen Phänomen – den sogenannten Briefkastenfirmen- in Verbindung bringen (zu diesem Thema haben wir schon einige Auswertungen, die sich auf die Kantone Zug und Obwalden beziehen, verfasst).

 

Hierbei handelt es sich um Unternehmen, die bei einer c/o-Adresse eines Unternehmens angesiedelt sind, aber aus unterschiedlichen Standortgründen keine Räumlichkeiten vor Ort zu beziehen. Somit könnte ein Bündner Verwaltungsrat neben seiner unternehmerischen Tätigkeit vor Ort aufgrund seiner internationalen Vernetzung bewusst noch Firmenkontakte in steuergünstigen Kantonen pflegen und damit seine nationalen und internationalen Beziehungen aufrechterhalten.

 

Bei den Zuger Verwaltungsräten entfallen rund 70% auf die Unternehmen vor Ort.  Möglicherweise sind jene Mandatsträger mehr in Unternehmen in gesamtschweizerischer oder internationaler Ausstrahlung tätig

 

2. In Zug und Zürich gibt es eine breitere Diversifikation des Mandatsvolumens der dort wohnhaften Verwaltungsräte (siehe Bild oben). 70 %  der Mandatsträger unterhalten Betriebe und Unternehmen in ihrem Herkunftskanton Zürich, der Rest verteilt sich jeweils auf die wirtschaftlich starken Nachbarn (Zug und Zürich jeweils reziprok) und umliegenden starken Wirtschaftsstandorte.  Die lokale Verwurzelung ist somit weniger ausschlaggebend für die unternehmerische Tätigkeit der dort ansässigen Verwaltungsräte (und die Mobilität auch höher). Auch sind jene Verwaltungsräte eher in Unternehmen mit gesamtschweizerischen Einzugsgebiet oder gar internationalen Konzernen aktiv.

Interessanterweise entfallen allgemein verhältnismässig (zur Grösse) wenig externe Mandate auf den Kanton Bern. Die Kantone Aargau und Luzern verfügen fast höchste  Anzahl Mandate im „externen Mandatsgürtel“ nach den Wirtschaftsmotoren Zug und Zürich. Der Bundeskanton rangiert immer an 5. Stelle. 

 

Die fast immer weiss schraffierten Kantone Uri, Glarus, Nidwalden und Fribourg sind häufig fast „mandatsleer“. Ein Beleg für eine eher tiefe Zahl von Unternehmen in jenen Gebieten mit gesamtschweizerischer Ausstrahlung oder Vernetzung (da wenige Verwaltungsräte über Mandate in jene Regionen verfügen) und einer niedrigen Verwaltungsratsdichte (Zahl wohnhafter Verwaltungsräte im Verhältnis zur Einwohnerzahl).

 

Die thematischen Karten über die Mandatsverteilung von Verwaltungsräten können bei info@ofwi.ch kostenlos bestellt werden.

Antwort schreiben



(Ihre E-Mail Adresse wird nicht angezeigt.)


Captcha Code

Click the image to see another captcha.