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Die Konsequenzen der Abzocker-Initiative für die Nestlé-Verwaltungsräte

Geschrieben am 15.Januar.2013

Die Verwaltungsräte von Nestlé wären bei Annahme der Abzocker-Initiative "vergütungstechnisch" gleich in mehrfacher Hinsicht betroffen. Die meisten Mitglieder sind eng mit der Schweizer Wirtschaft verflochten und verfügen Mandate in weiteren Grosskonzernen wie Credit Suisse, Roche, SwissRe und Swatch. In diesem Blogpost nehmen wir den Marktleader der Lebensmittelindustrie etwas genauer unter die Lupe und zeigen aus handelsregisterrelevanten Gesichtspunkten die weitreichenden wirtschaftlichen Verbindungen seiner Mandatsträger auf. Nestlé bildet den Auftakt unserer neuen Unternehmensreihe im Rahmen der "Abzocker"-Initiative, in der wir die Mandatsverbindungen der Entscheidungsträger vertieft analysieren möchten.

Kritik an Nestlés Lohnschere

Die Entlöhnungspraxis bei Nestlé wurde seit jeher kritisiert. So betrage das Lohnverhältnis zwischen Nestlé-Chef Bulcke (12,4 Millionen Franken Jahreseinkommen) und dem schlechtest bezahltesten Angestellten (52000 Franken Jahreseinkommen) 1:238.

Obwohl in der Vergangenheit oft Kritik am unternehmensinternen Lohnsystem angebracht wurde, sprach sich 2012 eine “starke Mehrheit” der Aktionäre für den Vergütungsbericht der Verwaltungsräte in der Konsultativabstimmung aus. Diese Entscheidung hat jedoch keinen bindenden, sondern nur symbolischen Charakter, was sich bei Annahme der Abzocker-Initiative verändern würde.  Nicht nur sollen gemäss dem Initiativtext die Abstimmungen an Aktionärsversammlungen von börsenkotierten Aktiengesellschaften über die Vergütungssummen verbindliche Wirkung haben. Die Aktionäre sollen neu auch über die Höhe der jeweiligen Einkommen befinden dürfen.

Ein renommierter Verwaltungsrat geht selten nur eine wirtschaftliche Verpflichtung ein, sondern wird aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und seines Netzwerks in ein hochkarätige Führungsposition gewählt. Ein Analyse der Wirtschaftsbeziehungen der Nestlé-Verwaltungsräten auf infocube.ch zeigt: Die Entscheidungsträger von Nestlé sind gut vernetzte Unternehmer, die ihr Jahressalär aus mehreren wirtschaftlichen Engagements bestreiten. So halten die meisten von ihnen lukrative Mandate in weiteren börsenkotierten Unternehmen (meist SMI), die zu den grossen "Global Players" der Schweizer Wirtschaft gehören.

Die 6 Nestlé-Verwaltungsräte mit der höchsten "Lohnvolatilität" bei Annahme der "Abzocker"-Initiative

Im Folgenden eine Auflistung einiger mandatsreicher Nestlé-Verwaltungsräte, deren Gehälter sich bei Einführung einer verbindlichen Aktionärsdemokratie nach dem Modell der Minder-IniItiative aufgrund ihrer vielfältigen Engagements womöglich verändern könnte. Wir zeigen dabei explizit nur diejenigen Mandate auf, die ebenfalls unter die Bestimmungen der Abzocker-Initiative fallen würden (also von börsenkotierten Aktiengesellschaften).

  • Prominentes Beispiel: Der berühmte Nestlé- Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck. Er wirkt seit 2008 bei der Credit Suisse mit und hat als Vizepräsident bei der Grossbank weitreichende Entscheidungskompetenz.

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  • Beat W Hess hält Mandate bei verschiedenen Grosskonzernen, deren Aktien ebenfalls an der Börse gehandelt werden. So war er früher in verschiedenen Subunternehmen der ABB tätig, und ist Vizepräsident beim Hörgerätehersteller Sonova Holding sowie auch beim Zementriesen Holcim aktiv.

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  • André Kudelski ist Firmeninhaber und Verwaltungspräsident der gleichnamigen börsenkotierten Kudelski S.A. Er ist als Delegierter in 15 weiteren mittelständische Unternehmen und Stiftungen tätig.  


 

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  • Und Nestlé- Verwaltungsratsmitglied Daniel Borel präsidiert u.a den Verwaltungsrat des Computerzubehörspezialist Logitech.


Die Salärssummen würden bei Annahme der Initiative mehrfach im Jahr hinterfragt


Die Analyse unserer Wirtschaftsdaten lässt zwar keine Schlüsse über die Höhe der jeweiligen Vergütungsbezüge zu. Die Lohnkomponente der Verwaltungsräte variiert womöglich auch nach internem Status in der "Verwaltungsratshierarchie". Es ist auch fraglich, ob sich das Lohnniveau der Führungskräfte durch mehr Mitbestimmungsrechte der Aktionäre effektiv substanziell verändern würde.

Fakt ist: Bei vielen wirtschaftlichen Verbindungen der Nestlé-Verwaltungsräte handelt es sich um Grosskonzerne, deren Lohnsysteme in der Vergangenheit durch negative Schlagzeilen aufgefallen sind. Durch die Annahme der Abzocker-Initiative würden deren Vergütungen zumindest in mehreren Generalversammlungen jährlich zur Disposition gestellt.


Nachtrag 18.1.2013: Bei genauerer Auseinandersetzung mit den Bestimmungen der Abzocker-Initiative fiel uns auf, dass unsere Erhebungen der externen Mandatszahl von Verwaltungsräten ebenfalls Gegenstand des Volksbegehrens darstellen. So schreibt die Abzocker-Initiative vor, Unternehmen müssten sich in den Statuten auf eine maximale Zahl von externen Mandaten festlegen, die ihre Führungskräfte annehmen dürfen.